Verlassene Orte in Deutschland: Wenn ein Schlafzimmer seine letzte Nacht einfriert
Der erste Eindruck ist olfaktorisch: ein schwerer, feuchter Geruch nach altem Holz und Kalkputz, der sich sofort in die Nasenschleimhaut setzt, kaum dass man die Schwelle übertritt. Noch vor dem ersten Blick auf die abgeblätterte Tapete, noch vor dem Erkennen der Möbel, schreibt sich dieser Ort körperlich ein. Wer urbex in Deutschland betreibt, kennt dieses Gefühl – und sucht es dennoch jedes Mal aufs Neue.
Urbex Maps und das Licht, das aus Ritzen eine Malerei macht
Die Fenster sind blind geworden. Durch ihre opaken Scheiben fällt kein direktes Sonnenlicht mehr, sondern ein diffuses, milchiges Leuchten, das sich gleichmäßig über den Raum verteilt wie Watte. Genau diese Qualität macht die Fotografie hier außergewöhnlich: Das Licht modelliert die aufgeplatzten Tapetenbahnen, die sich wie Buchrücken von der Wand lösen, zu kleinen Skulpturen. Wer auf einer urbex map nach außergewöhnlichen Locations sucht, findet selten einen Ort, der so mühelos zwischen Verfall und Schönheit balanciert.
Den Indizien nach – einem zurückgelassenen Kalender aus den späten 1990er-Jahren, Kinderschuhen unter dem Bett und einer ordentlich gefalteten Wolldecke auf dem Sessel – lässt sich vermuten, dass die Familie dieses Haus nicht fluchtartig verlassen hat, sondern schrittweise, Zimmer für Zimmer, bis schließlich niemand mehr zurückkam. Vielleicht ein Erbfall, bei dem keine Einigung erzielt wurde, vielleicht ein Umzug ins Pflegeheim, der weitere Pläne zunichte machte. Das urban urbex-Erkunden dieser Räume fühlt sich deshalb weniger wie Einbruch an als wie das stille Durchblättern eines fremden Fotoalbums.